15.01.2020

Raus aus der Schuldenfalle

 

Ein neues Smartphone und ein größerer Fernseher, schicke Markenkleidung und ein Mountainbike: Die Angebote sind verlockend. Und lassen sich leicht bezahlen, flattern doch immer wieder Kredit-Angebote ins Haus. „Innerhalb von 24 Stunden der Wunschbetrag auf Ihrem Konto“, heißt es da. Schnell kann das zu einem Berg von Schulden führen, die sich nicht mehr komplett tilgen lassen. So waren im vergangenen Jahr 11,5 Prozent der im Burgenlandkreis wohnenden privaten Verbraucher überschuldet. Dies geht aus dem Schuldner-Atlas Deutschland hervor, den das Wirtschaftsforschungsinstitut Creditreform jährlich veröffentlicht. Seit 2014 bewegt sich dieses Zahl auf fast konstantem Niveau, wie aus der Statistik hervorgeht. So betrug sie 2014 11,4 Prozent. Im Jahr 2016 lag sie bei 11,43 Prozent. Im bundesweiten Vergleich liegt der Burgenlandkreis damit von 401 kreisfreien Städten und Landkreisen auf Platz 316. Den niedrigsten Wert mit 3,98 Prozent weist der Landkreis Eichstätt (Bayern) mit 3,98 Prozent überschuldeter privater Verbraucher auf. Schlusslicht auf Platz 401 ist die Stadt Bremerhaven mit 21,67 Prozent.

Private Verschuldung ein soziales Problem

Ist die Anzahl überschuldeter Verbraucher in der Saale-Unstrut-Elster-Region relativ konstant geblieben, hat sich dennoch die Art der Schuldnerberatung in den letzten Jahren stark verändert. „Eine reine Schuldnerberatung gibt so es gut wie nicht mehr. Schuldnerberatung ist immer auch soziale Beratung, weil private Überschuldung ein soziales Problem darstellt“, berichtet Karin Meyenberg, die als Schuldnerberaterin in der Diakonie Naumburg-Zeitz gGmbH tätig ist. Denn Ursachen und Auslöser für Überschuldung seien neben Arbeitslosigkeit, Krankheit, Sucht, Trennung und Scheidung auch gescheiterte Selbstständigkeit, Niedrigeinkommen und Armut. „Allerdings spielen auch sozioökonomische Faktoren eine Rolle, so die Werbung für das Aufnehmen von Krediten und die Vergabe von Krediten. Persönliches Kaufverhalten, individueller Umgang mit Geld und das Wissen, was Schulden bedeuten können, sind ebenso von Relevanz“, heißt es in einer von der Diakonie veröffentlichten Mitteilung.

Klient wird ganzheitlich betrachtet

Kreditaufnahme und individuelles Kauf- und Konsumverhalten sind jedoch nicht voneinander zu trennen. Karin Meyenberg betrachtet deshalb in ihrer Beratungspraxis Motive, Ursachen, Auslöser und Folgen stets ganzheitlich. „Nur dann können Hilfen nachhaltig wirksam sein. Schaue ich mir nur die Schulden an, hilft das den Betroffenen nicht weiter. Ich muss Lebensläufe, Lebenslagen und die individuelle Fähigkeit, mit Krisen umzugehen, mit berücksichtigen“, sagt die Beraterin. Die Soziale Schuldnerberatung hilft Menschen, sich psychisch-sozial zu stabilisieren, um sich danach gegebenenfalls wirtschaftlich zu sanieren. Das Sichern der wirtschaftlichen Existenz der Schuldner und deren Familien ist dabei der erste Schritt. Dann geht es darum, die Ratsuchenden in die Lage zu versetzen, Lebenssituationen in Zukunft selbstständig zu bewältigen. Ziel ist die Handlungsautonomie, um erneuter Verschuldung vorzubeugen und Armut zu vermeiden.

Nicht nur juristisches Wissen Basis

Für diese Arbeit benötigen Karin Meyenberg in Naumburg und ihr Kollege Jörg Jablonowski in Zeitz inzwischen mehr als juristisches Rechtswissen. Sie brauchen sozialpädagogische und beratungsmethodische Fachkompetenz, Wissen und Kenntnisse über gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge. Deshalb hat die Rechtsfachwirtin eine Ausbildung zur Systemischen Pädagogin beziehungsweise Beraterin begonnen. Ihr Zeitzer Kollege, Volljurist, plant eine zusätzliche sozialpädagogische Weiterbildung. Darüber hinaus kooperieren Schuldner-, Erziehungs-, Schwangerschafts- und Suchtberatung im Rahmen sogenannter Integrierter Psychosozialer Beratung bei Bedarf auch fallübergreifend zusammen, um die beste Lösung zu finden.

Leichter Rückgang der Verschuldungsquote

Zum ersten Mal seit 2013 hat sich die Überschuldungslage in Deutschland geringfügig verbessert. Die Überschuldungsquote ging leicht zurück, da die Bevölkerung weiter zugenommen hat, geht aus dem Schuldner-Atlas Deutschland hervor, den das Wirtschaftsforschungsinstitut Creditreform jährlich veröffentlicht. Dabei nehmen die hohe Überschuldung ab und die geringe zu. Hintergrund ist, dass Kaufzurückhaltung und Ausgabenvorsicht der Verbraucher angesichts steigender Löhne und Arbeitsplatzsicherheit zurückgegangen sind. Allerdings bilden geringe Schuldensummen oftmals die Vorstufe im „Überschuldungskarussell“. Am wenigsten überschuldet in Deutschland sind die privaten Verbraucher in Bayern. Innerhalb der Plätze 1 bis 30 mit den niedrigsten Werten sind 28 bayerische Landkreise zu finden. Beste ostdeutsche Kommune ist die Stadt Jena mit 5,93 Prozent auf Platz 22 vor dem Landkreis Tübingen (Baden-Württemberg) mit 5,99 Prozent. Innerhalb Sachsen-Anhalts weist der Landkreis Wittenberg mit Platz 271 und 10,47 Prozent überschuldeter Verbraucher den niedrigsten Wert auf.

Kontakt: Beratung in der Region Naumburg: Karin Meyenberg, Telefon 03445/2337130; Region Zeitz: Jörg Jablonowski, Telefon 03441/5391580

Foto Archiv (Torsten Biel): Karin Meyenberg (r.) berät innerhalb der Schuldnerberatung der Diakonie Naumburg-Zeitz gGmbH eine Klientin.
Text: Albrecht Günther

Naumburger Tageblatt vom 09.01.2020 Link

https://www.diakonie-naumburg-zeitz.de/aktuelles_raus_aus_der_schuldenfalle_de.html