18.03.2016

Integration: Eine große Drei-Länder-WG

Betreuung rund um die Uhr

Am Briefkasten vor dem Eingang des evangelischen Tagungs- und Jugendfreizeitheims Thalwinkel steckt ein Schildchen mit der Aufschrift „Jugendwohngruppe“. Die Namen der Bewohner finden sich schließlich an mehreren Türen der Zimmer. An einer ist Aeman Dallol, Unas Hussini und Shaukat Kharoty zu lesen. Die Zimmer mit Doppelstockbetten, Schränken und Stühlen erinnern an eine Jugendherberge.

Betreuung rund um die Uhr

Das markante Haus nahe der Dorfkirche ist das Zuhause von neun Jugendlichen aus Syrien und Afghanistan geworden. Sie sind ohne Eltern nach Deutschland gekommen. Rund um die Uhr, 24 Stunden lang, werden sie von insgesamt neun Mitarbeitern der Diakonie Naumburg-Zeitz betreut. „Zu Beginn wussten wir nicht, wer und was uns da erwartet, gab es auch Ängste und Sorgen. Doch die Arbeit macht sehr viel Freude“, sagt Kathrin Schumann. Mittlerweile sei aus Reserviertheit zwischen den Betreuern und ihren Schützlingen ein Vertrauensverhältnis entstanden. Man unterhält sich in Deutsch und Englisch, und wenn das nicht klappt eben einfach mit Händen und Füßen. Die deutsche Sprache lernen die Bewohner in jeweiligen Kursen in der Naumburger Volkshochschule sowie direkt im Jugendfreizeitheim. Vor allem das gemeinsame Essen an einem großen Tisch bietet Gelegenheit, den anderen vom Tag zu erzählen.

Doch nicht jeder berichtet, was ihm auf der Flucht widerfahren ist, wie die aktuelle Lage im Heimatort ist. Oft werden indes Bilder gezeigt. Das Heimweh ist groß. „Sie brauchen einfach Zeit, sich gegenüber anderen zu öffnen“, weiß Alltagscoach Lisa Holetzek. Deshalb werde noch ein Helfer mit Kenntnissen der jeweiligen Sprache und Mentalität auf ehrenamtlicher Basis händeringend gesucht.

Zukunft ein wichtiges Thema

Aeman Dallol aus Syrien war der erste, der im Januar einzog. Heute ist der 17-Jährige, der sehr gern kocht, der selbst ernannte Küchenchef des Hauses und auch die Leitfigur für die anderen Jugendlichen. Seine Familie lebt noch in Syrien. Kürzlich fielen ganz in der Nähe ihres Hauses Granaten. Als Jugendlicher hat er in einer Schuhfabrik gearbeitet. Sein Wunsch wäre es, ein Praktikum in einer orthopädischen Schuhwerkstatt zu machen. Überhaupt spielt die Zukunft der jungen Bewohner, die teils zuvor im Flüchtlingsheim im Maritim-Hotel Halle untergebracht waren, eine große Rolle. „Wir bereiten sie auf ihr späteres Leben vor, und sie sind sehr motiviert, die Sprache und das alltägliche Leben in Deutschland kennenzulernen“, erklärt Lisa Holetzek.

Ziel sei es, dass sie eine Ausbildung in der Berufsschule aufnehmen können. Doch die Abgeschiedenheit von Thalwinkel und des Heimes erweist sich da als gewisser Nachteil. Die Wege nach Naumburg und Zeitz seien weit, mit dem Bus für Flüchtlinge mit nur ersten Sprachkenntnissen auch recht kompliziert, meinen die Diakonie-Mitarbeiter. Mit einem Kleinbus werden die Jugendlichen zu den Sprachkursen gefahren oder zum Sport. So wird in Freyburg geboxt, in Wetzendorf Volleyball und im Naumburger Euroville Fußball gespielt. Auch Ausflüge werden gemacht. Die nähere Umgebung des Heimes erkundet die Gruppe oft auf Fahrrädern.

Im Dorf ist das aktuelle Leben in und um das Jugendtagungsheim bekannt. „Vor dem Einzug der Flüchtlinge gab es in Thalwinkel eine Einwohnerversammlung. Wie mit dem Kreisjugendamt bestehen gute Kontakte zu hiesigen Einwohnern“, so Mitarbeiterin Susanne Schultz. Kuchen oder Quarkbällchen sind da freundliche Gesten aus der Nachbarschaft. „Die Jugendlichen haben im Gegenzug geholfen, die Friedhofsmauer herzurichten, auch aus Dankbarkeit heraus“, erzählt Lisa Holetzek. Für das Zusammenleben spielen nicht nur Respekt und Vertrauen eine Rolle. Es gibt klare Regeln im Haus wie Tischmanieren, Nachtruhe und Rauchverbot, Küchen- und Putzpläne. Sie selbst pflegen zudem ihre Gebetszeiten. Im Herbst werden die Jugendlichen den Ort verlassen. Denn dann erfolgt der Umzug in die umgebaute Kinderkrippe in Bad Bibra.

Text: Constanze Matthes, Naumburger Tageblatt
Bild: Nicky Hellfritzsch, Naumburger Tageblatt

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